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Stroemfeld Verlag GmbH, gegründet 1970, ist vor allem für seine ambitionierten Werk- und Gesamtausgaben deutscher Literaten aus dem 19. und 20. Jahrhundert bekannt.

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Manfred Trojahn

Schriften zur Musik

 

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Am Beginn dieses Abends stand ein Werk des englischen Komponisten Edward Rushton – ein „musikalischer Diskurs über sich selbst“. Mit diesen Worten könnte man auch ein Buch bezeichnen, das soeben erschienen ist: die Gesammelten Schriften des Komponisten Manfred Trojahn zur Musik.
Trojahn, 1949 geboren, ist einer der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart – und zugleich lange Zeit einer der umstrittensten. Seine ersten Erfolge hatte er in den 70er Jahren als Vertreter der damals so genannten „Neuen Einfachheit“, einer Gruppe junger Komponisten, die sich positiv auf die Tradition bezogen und sich gegen die strikten Verdikte der Nachkriegsavantgarde wandten. 1979 erlebte Trojahns zweite Symphonie bei den Donaueschinger Musiktagen ihre Uraufführung – und fiel durch. Bei den traditionellen Institutionen, den Symphonieorchestern und Opernhäusern, erzielte er dagegen schnell und anhaltend Erfolge. 1991 wurde in Schwetzingen und München seine erste Oper aufgeführt, im gleichen Jahr wurde er als Professor für Komposition nach Düsseldorf berufen, 2001 wurde er Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste.
Über 500 Seiten dick ist das Buch mit Trojahns „Schriften zur Musik“. Darin enthalten: Texte zur Ästhetik und Biographie, Glossen, Notizen, viele Gespräche und natürlich die Einführungstexte zu den eigenen Werken, die Komponisten ja immer genötigt werden, für die Uraufführung zu schreiben. „Was wird es für ein Buch werden“, so fragt sich der Komponist am Ende seines Vorworts – und stellt drei mögliche Antworten zur Diskussion. „Eine versteckte Biographie? Eine verkappte Ästhetik? Oder doch die Beschreibung einer Reise zu mir selbst?“
Knapp 500 Seiten später fällt die Entscheidung zwischen diesen drei Alternativen immer noch schwer. Es ist von allem etwas. Und das ist auch ganz unvermeidlich. Denn natürlich erzählt einer, wenn er über seine Werke spricht, immer auch über sich selbst. Über das, was ihn beschäftigt, über seine jeweilige Verfassung, Stimmung und Vorlieben, über seine Lebensumstände, über die Reisen, die er gemacht hat, die Erfahrungen, die ihn geprägt haben, über die Wünsche, die er sich noch zu erfüllen trachtet. Also: Natürlich ist eine solche Sammlung von Aufsätzen aus ganz verschiedenartigem Anlass auch eine versteckte Biographie. Sagen wir besser: Es ergibt sich beim kontinuierlichen Lesen die Ahnung einer Biographie des Menschen, der hinter den ästhetischen, kompositionstechnischen, politischen oder gesellschaftlichen Erwägungen steht. Wäre es nicht so, man legte das Buch nach ein paar Dutzend Seiten genervt aus der Hand, weil es nur Traktate enthielte, aber nichts über die Ideale eines Künstlers verriete. Und so erfährt man in diesen „Schriften zur Musik“ auch eine ganze Menge über die Jugend im Braunschweigischen in den 50er Jahren, in dem Offenbachs „Die schöne Helena“ schon mit Argwohn betrachtet wurde und die „schwerwiegendsten Vergehen in der Kindheit und der frühen Jugend das Träumen offnen Auges und die Ironie“ waren.
Ist das Buch „eine verkappte Ästhetik?“ Auch das, und zwar nicht nur verkappt. Manfred Trojahn hält nicht hinter dem Berg mit seinen künstlerischen Überzeugungen, mit seinen Meinungen zur Neuen Musik, der mit großem und der mit kleinem N. Und auch in diesem Punkt erzählen vor allem die älteren Texte Geschichten über das eigene Erleben, über die Auseinandersetzungen in einem ideologisch verminten Feld. Die Bezeichnung „neue Einfachheit“ war schon in den 70er Jahren nicht nur reichlich blödsinnig, sondern schlicht falsch, jedenfalls die meisten damals entstandenen Werke betreffend. Sie ist aber bezeichnend für ein Klima der kulturellen Auseinandersetzung, die an Heftigkeit und persönlichen Verletzungen nichts zu wünschen übrig ließ. „Ich habe verstanden, also muss es ‚einfach’ sein“, so schreibt Trojahn 1979 und findet den Begriff ‚Neue Einfachheit’ “zu nahe an der Diffamierung“. Zu Recht.
Vor diesem Hintergrund sind viele polemische Äußerungen Trojahns zu verstehen. Viele der Debatten von damals muten heute allerdings ein wenig schal an, der Pulverdampf hat sich verzogen, viele Themen haben sich längst erledigt – aber als gewissermaßen historische Zeugnisse sind diese Texte immer noch interessant. Und für so manchen dürften sie nicht zuletzt auch nostalgisches Potential bergen, selige Erinnerung an die guten alten Zeiten inklusive.
Wie also lässt sich die Ästhetik Manfred Trojahns beschreiben? Sie gründet auf großen, ehrenwerten Prinzipien. „Handwerk“ und „Ethik“ zum Beispiel – und immer wieder, explizit oder implizit: die „Freiheit des Künstlers“. So ist eine Rede überschrieben, die er im Sommer 1989, kurz vor dem Revolution im Herbst 1989, in München gehalten hat.
„Künstlerische Freiheit ist Synonym für die Arbeit an einer Utopie gesellschaftlichen Lebens, und sie enthält den Anspruch aufs Ganze.“ So schreibt Trojahn, und erläutert durchaus selbstkritisch die exklusiven, manchmal auch totalitären Züge, die dieses freiheitliche Denken bei einem Künstler haben kann. Denn natürlich ist für einen Künstler voller Leidenschaft Freiheit nicht unbedingt die des Andersdenkenden, sondern in erster Linie die Freiheit seiner eigenen Kunst. Wer nicht von sich selbst begeistert ist, möchte man ihn mit einem vormals bedeutenden Politiker paraphrasieren, der kann auch andere, das Publikum nicht begeistern. Aber diese – sozusagen – Freiheit zum künstlerischen Egoismus ist nicht genug – daran lässt Trojahn keinen Zweifel. Und er verweist dafür auf Paul Hindemiths Künstleroper „Mathis der Maler“.
„Ist, dass du schaffst und bildest genug?“, so fragt er mit einer Zeile aus der Oper. Und so wie dessen Held Matthias Grünewald sich in die Kämpfe der Bauern um ihre Freiheit einschaltet (darin aber scheitert), so will Manfred Trojahn auch heute den gesellschaftlich wachen Komponisten. „Schaffen und bilden“, so Trojahn, „reicht heute nicht, der Künstler muss in den ‚Kampf’, so pathetisch das klingen mag, muss dort anhebeln, wo der Zerstörungsfraß von Einschaltquote, sozialer Akzeptanz und interessen-repräsentativem Etatzuschnitt die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bereich menschlichen Tuns deutlich macht, aus dem eine freiheitliche Ethik, eine Ästhetik der menschlichen Möglichkeiten, eine positive Utopie des Daseins vielleicht heute einzig noch zu erwarten wäre.“
Das klingt beinahe vermessen – und so mancher, der nicht mit dem Komponisten auf einer ästhetischen Wellenlänge liegt, wird fragen, wo um alles in der Welt der schöpferische Künstler Manfred Trojahn denn solche Ziele in seinen eigenen Werken eingelöst sehe. Seine Gegner werfen ihm ja viel eher vor, dass er das Utopische vermissen lasse und sich allzu sehr an die existierenden Institutionen und ihren Formenkanon (die Symphonie, die Oper, das Streichquartett) anlehne. Das ist nicht wirklich zu bestreiten, mindert aber trotzdem nicht die Berechtigung, eine solche Utopie der „freiheitlichen Ethik“ und eine „Ästhetik der menschlichen Möglichkeiten“ anzustreben.
Solche kämpferischen gesellschaftspolitischen Einlassungen durchziehen das ganze Buch. Manfred Trojahn, der ästhetisch eher Konservative, versteht sich keineswegs als Bewohner des Elfenbeinturms und der Tempel des Guten-Wahren-und-Schönen. Er versteht sich dezidiert als Komponist der Gegenwart, der sich mit all den Kalamitäten und Widrigkeiten gegenwärtiger Kunst-Ignoranz auseinandersetzen muss. Dabei scheut er nicht die klaren Worte. Trotzdem, „Texte mit dem Anstrich von Kampfschriften“ habe er nicht verfassen wollen, so schreibt Trojahn im Vorwort, und dieser Gefahr ist er auch nicht erlegen.
Schon im Jahr 1988 äußerte er sich sehr entschieden zum wirtschaftlichen Aspekt des Komponierens, zur, wie er es nannte, „finanziellen Ausgesetztheit des jungen freien Künstlers“. Und was er damals als 39jähriger über sich sagte, das kann der 56jährige heute wohl immer noch unterschreiben: „Ich kann nicht hinaus aus meinem Elfenbeinturm, da ich nicht darinnen bin, nicht sein kann, denn das Bauwerk ist nicht mehr zu finden.“
Nach der Lektüre vieler politischer Stellungnahmen kommt es einem ganz zwangsläufig vor, dass Trojahn schließlich vor zwei Jahren Vorsitzender des Deutschen Komponistenverbandes wurde. Nun mischt er sich sozusagen qua Amt ein, erhalten seine wütenden Zwischenrufe zur gegenwärtigen Kulturpolitik das Gewicht der Institution. Seine Wortmeldungen der letzten zwei Jahre sind leider nicht mehr in diesen Band aufgenommen worden, der zwar erst jetzt erschien, aber schon im Sommer 2004 abgeschlossen wurde.
Die „Reise zu mir selbst“ – die dritte der Möglichkeiten, dieses Buch zu lesen –, ist also gewissermaßen bibliographisch unvollendet. Was aber auch die Schwierigkeiten deutlich macht, vor denen heute das anspruchsvolle Musikbuch steht, beschäftigt es sich nicht gerade mit den einschlägigen Jubilaren Mozart oder Schumann. Ohne die kräftige Mithilfe von privaten Finanziers wäre dieses Buch wohl nie erschienen. Und auch jetzt fand sich keiner der etablierten Musikverlage. Nicht einmal der Bärenreiter-Verlag, bei dem der Komponist Manfred Trojahn seit vielen Jahrzehnten seine Werke veröffentlicht. Nein, erschienen ist das Buch beim Stroemfeld-Verlag, der für seine wunderbaren Editionen von Kleist, Trakl oder Hölderlin bekannt ist, auch für die Bücher von Klaus Theweleit, aber nicht unbedingt für Bücher zur Musik. Sei’s drum. Die „Schriften zur Musik“, herausgegeben von Hans-Joachim Wagner, mit 540 Seiten kosten 28 Euro.
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Rainer Pöllmann, Deutschlandradio Kultur

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540 Seiten, geb.,

ISBN: 3-87877-945-3

 

Einzelpreis: 28,00 €
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Beschreibung

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1970: Verlag Roter Stern K. D. Wolff KG in Frankfurt am Main gegründet. Seit dem begann der Verlag mit der Edition umfangreicher historisch-kritischer Ausgaben deutschsprachiger Schriftsteller, wie zum Beispiel Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Georg Trakl, Franz Kafka und Casimir Ulrich Boehlendorff.