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Bücher

 

Suchergebnis: Bücher mit Anfangsbuchstabe L

 

Renato Jordan

Leni, Nomadin

Renato Jordan (Fotos), Pierre Imhasly (Text)

 

Die Nomadin
Ein Fotoband gibt Einblick in eine verschwindende Lebensform.
Leni geht auf den Berg, seit sie neun ist. Allein. Bei sich nur die Tiere: Zwei Eselinnen, die geduldig das Wenige tragen, das man zum Leben auf der Alm braucht. Jeden Sommer führt Leni das Vieh auf die entlegenen Weiden an der italienischen Grenze. Gehts los, steckt Leni die beiden Katzen Veritas und Chouchou in den Sack, und hopp! Sie sorgen für etwas Gesellschaft, wenn die Hirtin ihre einsamen Kehren durch die Walliser Alpen zieht.
Leni ist die Hauptfigur in Renato Jordans feinfühligem Fotoessay, der nun in Buchform vorliegt. Aus einer vergangenen Epoche scheinen sie zu stammen, die über fünfzig Schwarzweissaufnahmen. Sie dokumentieren das Leben einer Wanderhirtin, das sich allein nach dem Taktstock der Natur richtet. Fromm ist es, widersetzt sich der Vereinnahmung. Wer das Klischee der dümmlichen Kuhhirtin bedient sieht, irrt sich. Jordan zeigt eine weltoffene, kluge Frau, deren Neugier sie bis nach Indien und Moskau trieb. Ihre Lieblingslektüre: Dostojewski, Tolstoj ("Die Russen, tüchtig schwer!").
In ihren Bann zog sie den Fotografen schon als kleinen Buben: Tief beeindruckt war Jordan, wenn die gelernte Hebamme im Dorf ein Kind entband. Zweihundertfünfundachtzig Geburten hat sie seither begleitet. Jordans unprätentiöse Bilder sind eine Hommage an diese Frau, die früh gelernt hat, standhaft zu sein, wenn anderen die Knie nachgaben. Seine Bilder schaffen eine Nähe zu ihr, ohne sie jemals an den Betrachter auszuliefern. Zum Feingefühl des Psychologen gesellt sich der Scharfblick des Ethnografen: Der Walliser rettet das Andenken an eine Wirtschaftsform, den Nomadismus, der heute in der Schweiz kaum mehr praktiziert wird. Leni ist die Letzte ihres Schlags. Die lyrischen Bilder enthüllen ein raues Leben voller Mühsal. Aber ein friedvolles zugleich, selbst bestimmt und voller Würde noch im Alter.
Ein Poem zwischen hoher Lyrik und warmherzigem Essay ist auch der Textbeitrag von Pierre Imhasly, der vor fünf Jahren mit seiner grossmächtigen "Rhone Saga" ins Scheinwerferlicht getreten ist. Mit Worten beschwört er, was in den Fotos leise anklingt: "An ihrem [Lenis] Berg gibt es nur Frauen. (Und Tiere auch.) / Wo Männer auftauchen, sind sie zum Helfen da; / ohne Unterschied." Imhasly lässt keinen Zweifel offen: Die Verantwortung für die Welt ruht auf den Schultern der Frauen. So ist das Buch mehr als ein einfühlsames Porträt - es ist eine Würdigung des Weiblichen als erzeugendem Prinzip schlechthin. Wenn Leni auf einem der Bilder duldsam einen Kiefernstamm zum Herdfeuer buckelt, unbeirrbar wie Jesus sein Kreuz, so scheint sie tatsächlich die Verantwortung für die ganze Welt auf ihren Schultern zu tragen.

Sascha Renner, Tages Anzeiger, 3. Dezember 2001

AUF DEM LAND
Was wissen denn wir?
Die Hirtin Leni, die Bäuerin Hanna: Zwei Neuerscheinungen bringen uns das weibliche Leben und Sterben auf dem Land näher

Anna Wimschneider liegt auf dem Gartlberg in Pfarrkirchen begraben, das ist ein markanter grüner Buckel am Rand der niederbayerischen Kreisstadt, mit alten Bäumen und einem Gotteshaus bestanden, schön dort. Besinnlich. Vielleicht sollten einmal ein paar Verleger, Autoren und Autorinnen da hinaufgehen. Einen Strauß sollten sie aufs Grab legen, Gerbera wär nicht verkehrt, das waren die Lieblingsblumen der Toten. Dazu all die Bücher, die sie, Anna Wimschneiders Erfolg im Blick, geschrieben und gedruckt haben. Dann könnten sich die Besucher noch ein Viertelstündchen an die Nase fassen und schweigen. Bevor sie wieder gehen.
Herbstmilch hat sich bis heute 2,1 Millionen Mal verkauft. Man mag es fast nicht glauben. Anna Wimschneider, Kleinbäuerin, Jahrgang 1919, vor neun Jahren gestorben, hatte ihre Lebenserinnerungen in zwei Schulhefte geschrieben, für eine Enkelin. Sie waren zum Piper Verlag geraten und 1984 herausgekommen. Ein nüchterner Bericht von Zuständen auf dem Land. Arbeit, Unterdrückung. Arbeit, Einsamkeit. Arbeit, grausame Gemeinheit. Arbeit. Armut. Und Trost in der Liebe. Herbstmilch, frei von Pathos, Anklagen und Selbstmitleid, hat uns bewegt bis zur Empörung. Das Buch hat der Frau mit der Kittelschürze und dem grauen Haarknoten in kürzester Zeit ein paar Millionen eingebracht, einfach so, einen herzerwärmenden "Starruhm" quer durch die Talkshows und Kulturprogramme, außerdem das Bundesverdienstkreuz.
Noch zu Wimschneiders Lebzeiten kamen die Nachahmer. Im Windschatten ihrer Popularität musste sich doch das Genre - rührender Einblick ins Leben der einfachen Leute - neu anschieben lassen? Die literarische Traditionslinie war ja von Dickens bis zu Seamus Heaneys Gedichten über seinen Torf stechenden Vater und John Bergers SauErde nie abgerissen (zuletzt hat Frank McCourt sie kunstvoll aus der Asche seiner Mutter geholt). Nun hatte eine literaturferne Amateurin am Küchentisch diesen Millionenseller gezaubert; nur zwei Jahre vor ihr war die oberschwäbische Handarbeitslehrerin Maria Beig, Tochter armer Obstbauern, mit ihrer ebenfalls harten, ebenfalls in Schulheften notierten, von Martin Walser geförderten Lebensgeschichte Rabenkrächzen aufgefallen. Sauermilch, Apfelschnaps, Düstervögel. Sauerde. Wenn das kein Trend war.
Er wird bis heute gemolken. Zwei neue einschlägige Bücher liegen vor, eins davon ist die gute Nachricht. Das andere? Macht schon beim Titel dicke Backen und lässt bis zum Nachwort aber auch gar nichts aus, was Eindruck schinden könnte: das Motto nicht (von Dylan Thomas, Respekt bitte), die Widmung, die Danksagung nicht und nicht den Hinweis auf "die Literarische Agentur" XY, die "dieses Werk" vermittelte. Es heißt Geh aus, mein Herz, und suche Freud - Das Leben der Bäuerin Hanna. Autor Heinrich Thies, Journalist in Hannover, schreibt über seine Mutter, die 1913 als Tochter kleiner Heidebauern zur Welt kam: eine Zeit- und Milieugenossin der Wimschneider. Nach frühem Tod des Vaters und darauf folgendem Selbstmord ihrer Mutter musste sie als Magd bei wechselnden Dienstherren arbeiten, heiratete während des Krieges einen Bauern, der aus der Gefangenschaft nicht zurückkehrte, wurde durch familiäre Ränke abermals zur Magd und kam erst in ihrer zweiten Ehe zu Mutterschaft und Bäuerinnenstatus - den der landwirtschaftliche "Strukturwandel" noch vor ihrem Tod 1993 gegenstandslos machte. Sie wurde 80 Jahre alt.

Im Winter liest Leni die Russen
Wie ihre paar Kühe, die nach allem, was man auf den üppig vielen Seiten des Buches zu lesen bekommt, neben Gottglauben und Religion vielleicht ihr wichtigster, jedenfalls aber beständigster Lebensinhalt waren, wie die Kühe der alten Frau nach Auszahlung der "Abschlachtprämie" endgültig vom Hof und mit ihrer Hilfe in den Viehtransporter getrieben werden, gehört zu den stärkeren Szenen des Buches. Es ist gelungen in manchen dokumentarischen, vom Autor mehr oder weniger miterlebten Passagen und einigen Landschaftsbeschreibungen. Es wird schwach, wo er in fiktiven Episoden und Dialogen das Romanhafte anstrebt. Loreromanhaft wird es dann, dramaturgisch und sprachlich. Wie aus einem Textbaukasten für die Heimat-Heftchen der fünfziger Jahre zusammengeklaubt. Die Heldin "eilt schluchzend von dannen", "folgt frohen Mutes dem Ruf der Kirchenglocken", "weint bitterlich", später "noch bitterlicher". Da hüpfen Herzen vor Freude, tut's in der Seele weh, herrscht stummes Entsetzen, sitzt der Schalk im Nacken, wird wie am Spieß geschrien, manch böser Streich gespielt, die Hölle heiß gemacht. Und kein Sprachklischee ausgelassen.
Schade; denn wenn Heinrich Thies gegen Schluss seines Buches auf "farbige" Dramatisierung eher verzichtet und sich auf das konzentriert, was er authentisch weiß von der Frau, die ihn geboren hat, erreicht er uns gelegentlich mit schnörkelfreien Sätzen ("Unablässig fraß die Arbeit ihre Tage"), und wir gewinnen doch noch Erkenntnis: über das Altwerden im Bauernhaus, über die Ungeduld der Jungen mit den Alten, der Alten mit den noch Älteren. Über Facetten des Wartens auf den Tod.
Leni, Nomadin heißt, bezeichnend knapp, die zweite Neuerscheinung im Wimschneider-Genre. Es ist ein großformatiger Bild- und Textband über eine alte Frau in den Schweizer Bergen. Die Schwarzweißfotos sind von Renato Jordan, dazu hat Pierre Imhasly knappe 20 Seiten lyrische Prosa geschrieben. Ein dichtes, schönes Buch, das ganz unaufgeblasen daherkommt, zur Abwechslung, aber voller Wunder ist. Auf dem Titelfoto steht Leni im Schnee vor einer kahlen Hauswand mit seltsamen quadratischen Löchern, schiebt eine graue Strähne unter ihr Kopftuch und lächelt an der Kamera vorbei ins Ungefähre: Was wisst denn ihr?
Rätsel im Auge des Betrachters, von Anfang an, Bilder-Rätsel wie aus einem frühen Bergman-Film. In extremen Bildausschnitten zeigt Renato Jordan Szenen eines Nomadenlebens inmitten unserer Zivilisation. Menschen und Tiere sind scharf ausgeleuchtet und so nah herangeholt, als hätte ein Sturm sie vors Objektiv gefetzt. Die etwa 50 Fotografien sind ganz- oder doppelseitig im Block hintereinander angeordnet, durch Text nicht unterbrochen und erst einmal nicht erklärt. (Kurze Bildlegenden finden sich separat auf den hintersten Seiten.) Überraschungen, beim Blättern. Fragmente einer fremd gewordenen, auf archaische Art ebenso mobilen wie humanen Lebensweise. Ruhig und total erscheint in diesen Fotografien nur die Landschaft: "das Stumme Buch, der Berg".
Die vielleicht 75-jährige Leni, von der wir weder den vollen Namen noch das genaue Alter erfahren, nomadisiert, seit sie neun ist, Jahr für Jahr als Hirtin im Grenzgebiet zu Italien. Im Winter wohnt sie in Simplon, ihrem Heimatdorf. Wie der Schnee vergeht und das Weidegras wächst, geht sie von dort in drei Stufen hinauf auf den Berg, auf den Maiensäß im frühen Frühjahr, auf die Alp im Juni, zum Obersäß im August. Und dann in drei Stufen wieder hinunter, Ende Oktober ist sie zurück im Dorf. Simplon, Schalbettji, Piänexa und Gise heißen die Orte, die Lenis Leben zwischen 1400 und 2100 Metern bezeichnen. Geißen, Rinder, Kühe und Schweine folgen ihr, oder sie folgt ihnen, ihre Bienen und den Hausrat tragen zwei Esel von Hütte zu Hütte, die Katzen im Sack trägt sie selbst. Erst hinauf. Dann hinunter. Dann von vorn. Vielleicht schon 70 Jahre. Da weiß eine, was sie tut, zeigen die Bilder. "Die Nomadin hat den Kalender im Leib, in den Füßen", sagt der Text.
Aber das ist nicht alles im Leben der Leni. (Was wissen denn wir?) Pierre Imhasly schreibt passend fragmentarisch zu den Bildern, sein Textblock ist kryptisch, widerständig, Poesie. Doch genau gelesen, macht er hinter dem körperlichen Dasein der alten Frau eine unerwartete geistige Ebene erfahrbar. "Du handfeste Astrologin von Ewigkeiten", ruft Imhasly sie an, "du minutiöse Beterin zur Erde, Religion ist dir alles." Was noch am wenigsten überrascht; Religion, ein roter Faden im bäuerlichen Frauenleben jener Generation. Aber Leni, Nomadin, liest (im Winter, natürlich) die Russen. "Dostojewskij, Tolstoj, die Rachmanova, das kennst du vor und zurück." Nicht nur liest sie sie, die Nomadin fährt hin nach Moskau und Sankt Petersburg, Leni, die "Schwester der Kompromisslosigkeit". Nicht nur nach Russland reist sie, auch nach Indien, "man müsste den Hinduismus gehörig studieren", aber im April geht's ja wieder auf den Berg. "Auch Krishna, der Glückliche, hat Kühe gehütet."
Leni, Nomadin. Liest "das deutsche Intelligenzblatt, das unhandliche Format, macht acht Tage daran", im Winter natürlich. Im Sommer die Todesanzeigen, wenn jemand die Lokalzeitung hinaufbringt. Wie wird Leni sterben? "Auf der Alp stürbest du leise hin und leicht, des bin ich gewiss, schliefest du ein wie eine Große Blume, die der Raureif nahm", schreibt ihr Verehrer. "Wer wegfällt, wird ersetzt; alle sind wir ja nur Lüftchen. Himmel, Äther. Pneuma." Finis, o Leni, lesende Nomadin. Finis.

Rüdiger Dilloo, DIE ZEIT LITERATUR, 3/2002

Lenis neunzehn Schürzen: Pierre Imhasly und Renato Jordan zeigen die innerste Schweiz

Magdalena Zenklusens Hand ist eben durch ihr graues Haar gefahren, das unter dem Kopftuch hervorsieht und in dem einzelne Schneeflocken hängen; die Hand beschützt das Ohr und gibt den Blick frei auf das durch Falten fein gezeichnete Gesicht einer alten Frau vor einer Hauswand mit quadratischen Luken, die aus dem Schnee aufragt. Der Mantel der Frau ist aus einem auffallend gemusterten Stoff, wie man ihn in den fünfziger Jahren für Möbelbespannungen verwendete, was der archaischen Szene einen beschwingten Duktus verleiht und im Betrachter die Neugier weckt, nach dem leuchtenden Blick und der "klaren Schärfe" dieser Frau zu fragen. Sie ist Hebamme und Bäuerin im Schweizer Grenzgebiet zu Italien, wo unten die Doveria von Simplon durch die Gondo-Schlucht nach Domodossola strömt und oben die Terrassen der Almen zur Baumgrenze aufsteigen. Pierre Irnhasly, der Dichter der "Rhone-Saga" (1996), und der in Brig/Wallis ansässige Fotograf Renato Jordan haben das Porträt einer Frau gezeichnet, die durch ihre Lebensform die kulturellen Epochengrenzen auf ganz persönliche Weise durchbricht.
Imhaslys in kolloquialem Ton gehaltener Hymnus, die meist doppelseitigen Schwarzweißfotografien Jordans und die im Anhang gegebenen Erläuterungen feiern kein Idyll. Zwar reicht das Leben der Magdalena Zenklusen tatsächlich in die Vorzeit der Moderne, denn wer - oft nach Märschen durch Eis und Fels - "zweihundertfünfundachtzig Kinder ans Licht gesetzt" hat, wer allsommerlich mit Geißen, Eseln und Katzen auf die Almen zieht, fügt sich schlecht in neuzeitliche Raster. Zum anderen hat aber die Abgeschiedenheit des Tales - wie Imhasly mit spöttischer Verve betont - zu radikaler Emanzipation geführt: "An ihrem Berg gibt es nur Frauen. (Und Tiere auch.) Wo Männer auftauchen, sind sie zum Helfen da; ohne Unterschied." Leni wird so zu einer an Artemis und Hekate gemahnenden Herrin der Tiere, der die Geißen nachlaufen, die die Katzen liebt und die ohne Blick beim Sauschlachten vorbeigeht. Zugleich ist sie "Herrin der Consecutio Temporum": Sie hat den katholischen Heiligenkalender und die kirchlichen Feste im Blut, ohne doch durch sie gefesselt zu werden. Zur Zeit der Fronleichnamsprozession ist sie längst auf dem Berg, und wenn der Pfarrer zu Jakobi, am 25. Juli, zur Kapelle auf die unterste Alm kommt, ist sie meist schon eine Terrasse höher gezogen. Ihre Frömmigkeit ist anders begründet.
Die Leni, Schwester eines Pfarrers und Kind aus einer alten, weitverzweigten Familie, wohnt in einem Haus aus dem Jahr 1647 und blickt dennoch über ihr Tal hinaus. Sie liest viel, von "Frauenliteratur" bis zu Tolstoj und Dostojewskij: "Die Russen, tüchtig schwer", so Leni. Auf ihrem Nachttisch steht ein Globus, sie war in St. Petersburg, in Spanien und auch in Indien. Ihre "neunzehn Schürzen der Serenität" werden für Imhasly zu "Saris" und den unvergeßlich groß geblümten Kleidungsstücken, die man auf mehreren Fotos sieht, wird man diesen- Namen schwer versagen. Das im Text geübte Projizieren fernöstlicher Muster auf die alpine Lebensform dürfte allerdings allein auf das Konto Imhaslys gehen, denn Leni, die "Schwester der Kompromißlosigkeit", scheint hierin klüger als ihr Dicht6r, fordert sie doch genaues Studium des fremden Glaubens: "Wir können unsere Religion aucb nicht einfach so hinstellen", so Leni. Gewöhnungsbedürftig ist auch Imhasly"; Sprachmischung, in der "mega Schöpfkellen" neben dem "Sankt Herrgottstag" stehen, doch im französisch und italienisch durchwachsenen Idiom der Schweiz mag das angehen.
Die Schwarzweißfotografien von Renato Jordan haben es leichter, die Spannungen dieser Lebenswelt auszuleuchten. Sie sind oft aus starker Untersicht aufgenommen, ganz nah und mit bisweilen schroff zusammengespannten Bildausschnitten. Sie zeigen heiteren Takt bei allem Folkloristischen und spüren aufmerksam den feinsten Linien nach: in Felsen, Holz und Gesichtern. Die Monochromie ermöglicht es dabei dem Fotografen wie einem buddhistischen Tuschmaler, die Einheit der Welt in seinem Medium unmittelbar darzustellen: Fels und Atem, Katze und Schatten, Schnee und Sonnenlicht sind bloß Nuancen des einen. Ob Magdalena Zenklusen daran oder nicht doch an ganz anderes glaubt, bleibt ihr Geheimnis.
Thomas Poiss,Frankfurter Allgemeine Zeitung,2.2.2002

Zwei Neuerscheinungen im Anna-Wimschneider-Genre hat Rüdiger Dilloo anzuzeigen: Den bei Stroemfeld erschienenen Bild- und Textband "Leni, Nomadin" von Renato Jordan (Fotos) und Pierre Imhasly (Text) sowie Heinrich Thies' "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" (Hoffmann und Campe).
1) Renato Jordan, Pierre Imhasly: "Leni, Nomadin"
Den Band über eine alte Hirtin in den Schweizer Bergen hält Dilloo für großartig, dicht und schön. Imponiert hat ihm die Unaufgeblasenheit des Ganzen, die dem Betrachter Rätsel aufgibt: "Bilder-Rätsel wie aus einem frühen Bergmann-Film", wenn der Fotograf die "Szenen eines Nomadenlebens" scharf ausleuchtet, diese "Fragmente einer fremd gewordenen ... Lebensweise". Der Text scheint ihm dazu zu passen: "kryptisch, widerständig, Poesie". Und genau gelesen, findet er, macht er hinter dem "körperlichen Dasein" der alten Frau eine "unerwartete geistige Ebene" aus. Das hat mit Religion zu tun und, Dilloo ist richtig überrascht, mit Literatur. Denn Leni liest Tolstoj.


Rüdiger Dilloo, DIE ZEIT, 10.01.2002

jr_9783878778349

132 Seiten, Großformat, Fotos im Duoton,

ISBN: 978-3-87877-834-9

 

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