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Klaus Theweleit

Königstöchter

Das Pocahontas-Projekt: Buch 2 (CA)

 

Nur aus Liebe

 

Schlafend, halb verzückt, delirierend bis komatös wie später die Markise von O., genauso liegen sie da, die Königstöchter, nackt und bereit, sich von einem stinkenden, haarigen

Subjekt oder einem hartschnabligen Vogelvieh mit stechenden Federkielen und Kratzfüßen beklettern zu lassen. Götter! Der Blackout oder das vorfreudige Beben vor der fälligen Vergewaltigung wirken sich bei den Königstöchtern als bedingte Reflexe aus, will man der Endlosschleife von Illustrationen aus der Kunstgeschichte glauben. Zum resistentesten Motiv entwickelte sich Leda mit dem Schwan. Mit dieser und ähnlichen Kopulations-Szenen dekorierten Renaissance-Virtuosen wie Tizian Königsschlösser, wie auch in gehorsamer Nachfolge der der NS-Maler Paul Padua Hitlers Festung am Obersalzberg. Die Fortsetzung geht bis zur Pop Art, zuletzt bis zum Porzellankitsch einer Leda, a tergo beflattert »für Chefetagen« und zu beziehen aus dem Internet.

Eroberer und zu Frauenkörpern mediasierte Territorien: Aus der Erkenntnis dieser historischen Dyade schrieb Klaus Theweleit 1977 sein erstes Aufsehen erregendes Buch »Männerphantasien«. Back to these roots kehrt der Autor 2013 zurück, explizit gemacht im Titel eines der letzten Kapitel des »Buch(s) der Königstöchter«, Band 2 des auf vier Bände angelegten »Pocahontas«-Projekts. Theweleit weist kartographisch nach, dass diese in Phantasien von betörenden Frauenkörpern übersetzten Territorien nie etwas anderes waren als der reale Grund und Boden eroberter oder zu erobernder Gebiete – eine Tatsache, die sich seit der griechischen Antike in einem Labyrinth mythischer Erzählungen verbirgt.

Als Referenzmythos für Theweleits bekannt rhizomatische Argumentationen dient die Mär von der Häuptlingstochter Pocahontas. Aus »Liebe«, so wird da behauptet, wäre Pocahontas nicht nur übergelaufen zum Feind – verkörpert in dem Englischen Captain Smith – sondern sie hätte dem gleich noch das Leben gerettet. Für seine Lesart der »Pocahontas«-Geschichte bereiste Theweleit die historischen Plätze und verarbeitete wissenschaftliche Untersuchungen aus der Perspektive der Indianer. Das Ergebnis ist ein Bericht von Verrat und Mord, die an der Häuptlingstochter aus Virginia begangen wurden.

Zweieinhalb Modelle, die, wie sich zeigt, in Wirklichkeit eins sind, lassen sich aus den untersuchten Epochen destillieren. Festgemacht sind sie am Geschick von Königstöchtern; antik: Medea, Dido, Leda – neuzeitlich: Pocahontas vs. Malinche. Parallel zum Text und den Textmontagen läuft ein Bilder-Track mit aus der Kunstgeschichte, beginnend mit der Antike, durch die Renaissance bis heute mit Götter-missbrauchten Königstöchtern. Dazu im Wechsel Reklame-Designs für Zigaretten mit mehr oder weniger offenen Verweisen auf den indianischen Ursprung der globalisierten Kolonialware Tabak.

Zweifellos handelt es sich bei den euphemisierten Vergewaltigungen auch um die Demonstration der Macht von Göttermännern, sich jederzeit und nach Lust und Laune »herausnehmen« zu können, was Sterblichen verwehrt ist, vor allem aber – die Amoretten und sonstigen Babyfaces in der Umgebung der abgedrehten Kopulationsszenen auf den Gemälden zeugen davon – geht es um die Schwängerung der Königstöchter mit dem Ziel, sich via Thronfolger in die legitimen Stammbäume der laufenden Dynastien einzuhacken. Die Nachkommenschaft, die aus jener unglücklichen Frauen Schoß kriecht, wenn nicht aus gelegten Schwaneneiern schlüpft (siehe Leonardo!), verdrehen die Mythen in bewährter Weise von Mütter-verstörenden Vergewaltigungskindern in Halbgötter und Heroen namens Perseus, Theseus, Herakles, um sie sie an den Rändern des griechischen Pantheons anzusiedeln. Vatersöhne anstelle von Muttersöhnen, zu Helden aufgestylt, weil mit ihnen die neue Erbfolge der Eroberer ihren Anfang nimmt.

Seit Nietzsche, genauer noch mit Adorno, definitiv dann mit René Girard ist der Topos einer von Gewalt unterlagerten Kultur vertraut. Theweleit erweitert das Blickfeld in die Kunstgeschichte. Aus dem Fundus seines Bildmaterials strukturiert sich die Missbrauchskonstellation Gottmann-Menschenfrau zu einem geschlechterpolitischen Pattern. Dabei ist es gerade die Virtuosität der großen Künstler durch die seit jeher der Blick vom Gewaltkern des Motivs abgelenkt wird. Von griechischen Vasenbildern bis zu den klassischen Meistern ab Renaissance immer dasselbe. Darum umso erwähnenswerter die seltenen Ausnahmen wie Bellini und Rubens, die ihre mythologischen Motive unverschleiert als Gewalttaten in Szene setzen. Kunstgeschichte in neuem Licht, angereichert durch die großartige Verknüpfung zweier bis dato weit auseinander gedachter historischer Singularitäten: die Erfindung der Zentralperspektive mit der Erfindung der Schusswaffen. In der zentralperspektivischen Raumillusion sieht Theweleit den kriegstechnischen Nutzen für die Erforschung des ballistischen Raums, den die Projektile der neuartigen Schusswaffen aufreißen.

Die absurd-beschönigende Umschreibung des sexuellen Zustands römisch-katholischer Sutanenträger mit dem Unwort »Missbrauchskultur«, das selbst der Zampano der zweitpopulärsten TV-News, Klaus Kleber, dankbar aufgreift, fällt durch Theweleits Befunde auf seine historisch richtige Bedeutung zurück. In der Tat wird Kultur sichtbar als eine Kultur des Missbrauchs, selbst wenn auch hier eine Ausnahme zu vermerken bleibt, ein wenigstens halblichter Augenblick der Geschichte, kein Thema für Tizian, so unspektakulär, dass er der Dämmerung der Archive entrissen werden muss: die Beziehung Cortés-Malinche. In der ausführlichen Nacherzählung der spanischen Eroberung ist Malinche als »Übersetzerin« nicht nur der Sprache sondern auch der Kultur dem weißen Herrenmenschen Cortés ebenbürtig.

Eroberung und Landnahmen waren dieselben wie immer und überall. Im Süden des Kontinents töteten, vergewaltigten und zwangs-christianisierten die Spanier genauso wie die Engländer im Norden. Allerdings gibt es einen fundamentalen Unterschied: Die Spanier bastardisierten ihre Nachkommenschaft nicht, sondern betrieben eine Politik der »Mestizierung«. Die Kinder aus Spanisch-Aztekischen Beziehungen sind legalisiert und in entsprechende Vertragswerke eingebunden. Anstatt rassistische Demarkationslinien zu verteidigen förderte man die Entstehung einer Mischpopulation mit Feedbacks bis ins europäische »Mutterland« der Kolonisation. So verwundert es nicht, dass die heroisierenden Umdeutungen in die üblichen Kolonialisierungsmythen fehlen.

Es endet nie, denn das Muster strickt sich fort in ferne Welten, hinaus in den unendlichen Algorithmen-Raum des Cyberspace. Der analog gezeichenten Disney-World folgt die digitalisierte »Avatars«-World James Camerons, weit genug weg, um die Story ungestraft umkehren zu können. In »Pocahontas« x-te Version, die auf dem Digital-Planeten »Pandora« spielt, ist es das amerikanische Militär als Marionettenarmee eines kapitalistischen Konzerns, das die bad guys auswirft. Der Bilderrausch dieses Märchens in 3-D erschöpft sich allerdings in einer plumpen, 1000 Mal miterlebten Story, dieses Mal in einem geschichtsverfälschenden Ökoparadies voll esoterischer Kulte. Realiter ist die fortgeschrittene Animations-Technik des Films nicht mehr als der Programmierabfall jener modernen Waffensysteme, die »Avatar« zu bekämpfen vorgibt.

Die Materialfülle, mit der wie gewohnt aufgewartet wird, verdankt sich erst in zweiter Linie der Lust am Geschichten-aufspüren und -erzählen. Die profundere Plausibilität der Theweleit’schen Gedankennetze jedoch rührt aus dem Bewusstsein von Notwendigkeiten: Was immer passiert, es muss passieren, so und nicht anders, als Ergebnis einer Dynamik aus Hegemoniekämpfen, Politik, Technik und Medienstandards. Eingewoben das alles in eine Irrwelt aus Beschönigungen, Lügen – Mythen. Ein bis heute resistentes Muster heraus gefiltert zu haben, ist das besondere Verdienst des Buches. Im Abspann, Seite 735, zitiert Theweleit einen seiner Erstleser mit der Frage: »Wieso ist denn da vorher keiner drauf gekommen?« Der Rohstoff revolutionärer Intuitionen liegt offen zutage – immer schon und vor Aller Augen, doch erst mal ewig übersehen. Eben drum! Das Buch der Königstöchter ist eins der selten gewordenen Sorte Bücher, die die Hoffnung am Leben erhalten, dass Verdrängung keine Notwendigkeit bleiben muss. Seit Freud, zu dem Theweleit irgendwie immer zurück kreist, weiß man: auf Dauer kann nichts verborgen bleiben.

Herbert M. Hurka

In: Ästhetik und Kommunikation,

Heft 160, Frühjahr 2013

 

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ISBN: 978-3-87877-752-6

 

Einzelpreis: 38,00 €
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1970: Verlag Roter Stern K. D. Wolff KG in Frankfurt am Main gegründet. Seit dem begann der Verlag mit der Edition umfangreicher historisch-kritischer Ausgaben deutschsprachiger Schriftsteller, wie zum Beispiel Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Georg Trakl, Franz Kafka und Casimir Ulrich Boehlendorff.