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Jan Süselbeck

Gelächter der Atheisten

Das Gelächter der Atheisten. Zeitkritik bei Arno Schmidt & Thomas Bernhard

 

PROJEKT : Nexus: Die kulturwissenschaftliche Bibliothek, nexus 76

 

Jan Süselbeck hat ... den Versuch unternommen, den eigensinnigen Skeptiker [Arno Schmidt] mit einem anderen Provokateur zu vergleichen und wählte dazu Thomas Bernhard aus, dem auf österreichischer Seite die wohl passioniertesten Nationalschmähungen zu verdanken sind. Zwei Antiheimatliteraten, die sich nie begegnet sind und vermutlich nicht einmal gegenseitig wahrgenommen haben, sollen also zu einer exzentrischen Bruderschaft vereinigt werden. ... Die zunächst willkürlich erscheinende philologische Umklammerung unter dem Thema der Zeitkritik bringt die zwei Solipsisten einander allerdings tatsächlich näher, als man anfangs denkt. Das betrifft nicht nur die Tatsache, dass beide als Artisten der Sprachkunst längst zum Kanon des von ihnen verachteten Kulturbetriebs aufgenommen worden sind. Die meisten Konvergenzen, die Süselbeck ausgelotet hat, ergaben sich im kuriosen Fundus ihrer ausgeprägten Ressentiments. ...

 

Roman Luckscheiter, F.A.Z., 6. Februar 2007

 

Jan Süselbeck legt hier sein zweites Buch zu Schmidt vor: es handelt sich um eine für den Druck leicht überarbeitete Dissertation an der FU Berlin aus dem Jahr 2003. Der Band ist zwar lang, aber (fast) nie langweilig, und das will bei knapp 600 Seiten Umfang schon etwas bedeuten. Das liegt in erster Linie an der Tatsache, daß Süselbeck schreiben kann und sich nicht in den Fallstricken germanistischen Wissenschaftsbarocks verfängt: ein leider oft zu beobachtendes Phänomen bei literaturwissenschaftlichen Doktorarbeiten. Süselbeck hat sich bereits mit journalistischen Beiträgen in der TAZ und in Konkret einen Namen gemacht. Die Arno Schmidt Mailing List, ein Internet-Forum zu Werk und Person Schmidts, kennt ihn als belebenden Agent provocateur , der gern ein Argument auf die Spitze treibt, dabei gelegentlich auch einmal polemisch über das Diskussionsziel hinausschießt. Im vorliegenden Band beschäftigt er sich mit Schmidt und Bernhard: das ist ein reizvolles gleich-ungleiches Paar der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur: beide sind große Sprachkünstler, Misanthropen, scheinbare Außenseiter des gängigen Literaturbetriebs und scharfe Gesellschafts- und Zeitkritiker.

Was macht Süselbeck nun mit diesen Zeitgenossen, die sich nie kennenlernten, die die Schriften des anderen nicht wahrnahmen und sich persönlich wohl auch kaum gemocht hätten? Die Studie gliedert sich in drei große Teile: in einem ersten komparatistischen Teil untersucht der Autor die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Œuvre Schmidts und Bernhards. Er stellt die zahlreichen bemerkenswerten inhaltlichen Ähnlichkeiten heraus, insbesondere die Misanthrophie beider Schriftsteller, ihren Kulturpessimismus und ihre Kritik an Religion und (postnazistischem) Staat, als auch ihre Vorstellungen von einem großen einzelnen künstlerischen Geist “inmitten eines massenhaften Chaos” (S.13). Sie kommen damit den Ideen Nietzsches näher, als Süselbeck es zugeben möchte. Bei beiden werden Ironie und bissiger Humor zu zentralen Elementen ihres Schreibens. Damit befinden wir uns schon auf dem Feld des Formalen, und Süselbeck stellt zu Recht das Offensichtliche fest: Schmidt ist als Avantgardist um eine Erneuerung von Sprache und Prosaformen nach 1945 bestrebt, während Bernhard monologische, oft in indirekter Rede verfaßte Prosa schreibt, die formal eher ins 19. oder frühe 20. Jahrhundert paßt, und der dazu eine Anzahl von gesellschaftskritischen Theaterstücken verfaßt hat.

Der zweite, intertextuelle Teil setzt sich mit der – oft politisch-kritisch motivierten – Aufarbeitung und Abrechnung der beiden Schriftsteller mit großen Vorgängern auseinander, mit Stifter, Goethe und Thomas Mann, wobei Süselbeck zeigt, wie auffällig ambivalent die Haltung beider zu ihren literarischen Vorfahren ist. Sie verurteilen deren angeblich konservative politische Haltung, können jedoch kaum anders, als die Sprachkunst ihrer Vorgänger zu bewundern, und … beuten deren Texte gleichzeitig für eigene Arbeiten aus. Haßliebe nennt man so etwas.

In einem dritten Teil untersucht Süselbeck das Nachwirken der NS-Zeit in ausgewählten Arbeiten Schmidts und Bernhards. Bei Schmidt konzentriert sich Süselbeck – im Kontext des Zyklus Kühe in Halbtrauer – auf die Erzählung Caliban über Setebos und demonstriert in einer gründlichen Textanalyse, wie sehr der Text mit Assoziationen und Anspielungen auf die jüngste Vergangenheit, NS-Zeit und Shoa durchsetzt ist. Er folgt dabei der These Axel Dunkers in dessen sehr lesenswertem Buch Die anwesende Abwesenheit. Literatur im Schatten von Auschwitz, nach der die Texte Schmidts oft metonymisch strukturiert sind, d.h. daß in ihnen vieles assoziativ in Subtexten durch Andeutung thematisiert wird. Auf der Suche nach Metonymien gelingt es Süselbeck, zahlreiche, für sein Thema von Krieg und Auschwitz wichtige zeitkritische Verweise zu Tage zu fördern. So erweitert er unser Wissen nicht nur um die Arbeiten von Schmidt zu den Vorgängern, sondern auch von Caliban über Setebos , den wohl vielschichtigsten und komplexesten Text von Arno Schmidt, um eine weitere mögliche Bedeutungsebene.

Bei Thomas Bernhard liegen die zeitkritischen Themen viel offener auf der Hand, nämlich auf der Oberfläche der Texte selbst, und Süselbeck braucht nichts auszugraben, sondern lediglich zu paraphrasieren. Er konzentriert sich auf je zwei exemplarische Werke Bernhards: auf den Roman Auslöschung. Ein Zerfall von 1986, den autobiographischen Text Die Ursache. Eine Andeutung von 1975 sowie auf zwei seiner kontroversesten Theaterstücke: Heldenplatz von 1988 und Vor dem Ruhestand von 1979. Die vernichtende Polemik am Staat Österreich mit seiner nepotistischen Verbindung von Nationalsozialismus und Katholizismus bildet den inhaltlichen Kern aller dieser Texte, und Süselbeck zeichnet die Skandale nach, die die Schimpflitaneien Bernhards in der Folge auslösten. Süselbecks Arbeit bringt zum ersten Mal in dieser akribischen Ausführlichkeit die Werke zweier Klassiker der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zusammen, und er tut es durch das Tertium der politischen Kritik. Er kann nachweisen, daß beide sich – wenn auch auf je eigene Weise und in unterschiedlicher Tiefe – mit der Tragödie der NS-Zeit, dem vom deutschen Boden ausgehenden Weltkrieg und mit Auschwitz auseinandersetzen. Seine Arbeit hat von daher den Charakter einer Initialstudie, der weitere komparatistische Untersuchungen zu Schmidt und Bernhard folgen könnten. ...


Timm Menke, IRAS (Juni 2006) - Internet Review


Ich habe mich während der Lektüre nicht eine Minute gelangweilt. Das hängt "naturgemäß" mit der außerordentlichen Lesbarkeit zusammen. Einer Ihrer Gutachter, Jörg Drews, leitete einmal vor Jahren eine Rezension in der FR mit dem Satz ein, jenes Buch (das Drews rezensierte) bestätige aufs übelste das (Vor-)Urteil, Germanisten schrieben schlecht. Sie sind ein Exempel dafür, dass es auch anders und ausgezeichnet geht.

Ob es um Essen und Trinken bei Schmidt und Bernhard geht, um die Stifter-, Goethe- und Thomas Mann-Rezeption oder um 'Mutmaßungen über Heidegger': Stets bin ich Ihnen gern gefolgt, ebenso glänzend amüsiert wie dankbar belehrt.

Gespannt war ich auf das Kernstück ("Das Nachzittern des Grauens"). Und hier vor allem auf Ihr Lesemodell von "Caliban über Setebos". Diese Erzählung las ich seinerzeit (lang ist's her)unter Blitzen von Verständnis dann und wann. Ihre Interpretation, ausgehend von signalhaften Mikrodetails, ist sehr wohl geeignet, diesem schwierigen Text auf den Sprachleib zu rücken: Die Literarisierung der Shoah ist auch für mich eine überzeugende Interpretation (ohne dass Sie sozussagen die Attitüde eines Alleinvertrungsanspruches einnehmen).
Sehr gefallen hat mir, dass Sie eben nicht "scheuklappig und bienenfleißig und anbetend" den von Arno Schmidt in die Welt gesetzten rezeptionssteuernden Bannsprüchen folgen (und in anderen Passagen Ihrer Diss. manche Kritik an Schmidts u.a. politischen Stammtischverlautbarungen äußern)...

...hat mir Ihr Buch Lust auf erneute und vor allem erste, neue Lektüre gemacht ("Auslöschung" steht auf meiner Leseliste obenan). Obwohl ich seinerzeit die unsäglichen Reaktionen auf Bernhard aufmerksam verfolgt habe, bin ich Ihnen doch dankbar, dass Sie einiges in Erinnerung gerufen haben: den Streit um Claus Peymann, das unglaubliche Gefasel des Marinestabsrichters Filbinger, die faschistischen Schäumereien anonymer Briefschreiber.

Und wo bleibt das Negative? Damit kann ich nicht dienen. Allenfalls könnte ich sagen, dass der Titel bei mir andere Erwartungen geweckt hat ...


Dr. Günter Meinhold, Aus einem Brief an Jan Süselbeck, September 2006

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600 Seiten, frz. Broschur,

ISBN: 978-3-86109-176-9

 

Einzelpreis: 38,00 €
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Beschreibung

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1970: Verlag Roter Stern K. D. Wolff KG in Frankfurt am Main gegründet. Seit dem begann der Verlag mit der Edition umfangreicher historisch-kritischer Ausgaben deutschsprachiger Schriftsteller, wie zum Beispiel Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Georg Trakl, Franz Kafka und Casimir Ulrich Boehlendorff.