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Klaus Theweleit

Friendly Fire

Deadline-Texte

 

4. März 2006, Neue Zürcher Zeitung

 

Sehen- und Wissenwollen
Klaus Theweleits aufklärerische «Deadline-Texte»
Unbändiges Denken in Bände zu fassen, ist ein Widerspruch in sich. Zwei der fünf Bände von Klaus Theweleits «Buch der Könige» (1988/94) und zwei der auf vier Bände angelegten Mythenforschung «Pocahontas» (1999) gelten noch immer als «in Vorbereitung.» In progress ist Kennzeichen und Element dieses kulturtheoretischen Werks - ein von wahrhaft unstillbarer Neugier getriebener Fluss, der sich aus stets aktuellen Zuflüssen speist. Nachdem in den letzten drei Jahren ein Buch über den 11. September, eins über Film und eins über Fussball gefolgt waren, hat Theweleit diesmal verstreute Essays, Rezensionen und Interviews in einem Band versammelt. Die permanenten Einflüsse der Gegenwart, die ein apriorisch urteilender Theoretiker als hindernde Ablenkungen aussperren würde, werden kenntlich als Wirklichkeit: ein durch Reflexion bewegter Erfahrungshintergrund.


Wie eine kriminalistische Recherche

Während die grossen «Theorieromane» abenteuerlichen Verzweigungen folgen, macht die Kompilation termingebundener «Gelegenheits»-Texte umgekehrt die Kontinuität kenntlich. Nach der einleitenden Hommage an Bob Dylan von 2001 kann nicht mehr befremden, dass und wie Theweleit 2004 in einem Mörike-Vortrag die Parallelen zwischen der Peregrina-Schlüsselfigur Maria Meyer und Dylans Gypsy Girl in dem Song «Spanish Harlem Incident» verfolgt. Seine Einführung in das halluzinative Bilderuniversum des Popkünstlers Blalla W. Hallmann, der die Disneywelt mit Hitler und Jesus kompilierte, überzeugt umso mehr, als Theweleit an anderer Stelle die ästhetische Revolution in Carl Barks' Donald-Comics gegen eine betonköpfige Ideologiekritik verteidigt. Und die radikale Abrechnung mit der Obszönität des Boulevard-Hitlerfilms «Der Untergang» gewinnt auf dem Boden film- und mediengeschichtlicher Erkundungen - von Chaplin und Pasolini über Godard und Andy Warhol bis zur intensiven Lektüre des Demme-!
Films «Das Schweigen der Lämmer» - das Gewicht eines im Wortsinn gebildeten Urteils.
Eben weil man, lesend, dem Autor bei der Urteilsbildung zuschauen kann (die Bilder, auf die er seit dem Klassiker «Männerphantasien» nicht mehr verzichtet, tun das Ihrige dazu), liest sich seine Textsammlung so spannend wie eine kriminalistische Recherche. Jeder neue Ansatzpunkt führt die Forschungsreise über eine Fülle materialer Funde und Analyseschritte weiter. Das «Heureka!» der Entdeckungen, die kühne Kombinatorik und der Mut zu tabufreien Schlussfolgerungen erinnern an Freuds empirische Hermeneutik: Hier findet noch Kritik im Wortsinn statt, ohne eigene und fremde Spuren auf dem Erkenntnisweg zu verwischen.
So kann es geschehen, dass dem Autor ein Traum dabei hilft, die Struktur von Mörikes Werk zu benennen und in umgedrehter Spurensuche zu befragen. Unter diesem Blick entwickeln, entpuppen, entlarven sich die Gegenstände aus Kunst, Politik und Spiritualität, ohne der dogmatischen Priestertrugs-Fahndung der alten Aufklärung zum Opfer zu fallen. Ein Essay über den Maler Friedemann Hahn spürt Motiven nach, die durch «Übermalungen» zu bewegten Bildern werden und damit nicht nur die Genres zwischen Malerei und Kino wechseln, sondern eine eigene Historie durchlaufen. So führt eine Säkularisierung des Abendmahl-Motivs von Paolo Veronese über die «Kartenspieler» von Cézanne bis zu Buñuel - und von Hahn zurück zum alten Hollywood-Film. An dem Künstler aus dem Schwarzwald demonstriert Theweleit die Vorgänge von Bearbeitung der Tradition, Verwandlung und Rückverwandlung. Hier ist Maskierung - wie in Hallmanns tollkühnen Versuchen, Hitler zwischen Katholizismus und US-Ikonographie ins Bild zu setzen - ein Erkenntnisinstrument.


Sprache als Produktivkraft

Ebenso verfährt Theweleits umweghaftes, im strengsten Sinn unkonventionelles Denken mit den Mythen unserer Geschichte und Lebenswelt: Es durchbricht unsere Gewohnheiten, indem es die Phänomene neu gruppiert und Konstellationen aussetzt, die der «realistischen» Aufzeichnung entgehen. «Nur wer halluziniert, erblickt das Reale», dies Bennsche Diktum plädiert für eine synästhetische Öffnung der Wahrnehmung, die das Politische einschliesst. Sie enthüllt das Pornographische in der Pseudoauthentizität realistischer oder dokumentarischer Hitler-Darstellungen und demaskiert die Bestürzung angesichts der Dokumente sexualisierter Folter aus Abu Ghraib als reinigendes Opferritual einer Mehrheit, die längst vom besseren Wissen kontaminiert ist. Sehen- und Wissenwollen ist dabei die erkenntnisleitende Haltung.
Unerschrockenheit und Unverschämtheit sind Privilegien, die allzu wenige Intellektuelle diesseits des Atlantiks nutzen. Nicht weil, sondern obwohl Theweleit zu diesen gehört, ist seine intellektuelle Kapazität unangefochten. Ihre Produktivkraft ist eine Sprache, die die Grenzen zwischen Wissenschaft und Literatur, Polemik und Essay, Theorie- und Umgangssprache virtuos ignoriert; denn auch die Schranken zwischen Erzählen, Analysieren und Streiten können zu ideologischen Mauern, Bremsen auf dem Weg des Begreifens werden. Die metaphorische Klammer um die versammelten Texte lautet «Friendly Fire» - die «freundliche Befeuerung» mit Worten angesichts der Kältestarre des gesellschaftlichen Handelns, Denkens und Fühlens, dessen innere Gewalt unter der Maske auserwählter Feinde versteckt wird.

Dorothea Dieckmann, Neue Zürcher Zeitung

 

Best of Theweleit
Zwischen Belletristik und Sachliteratur: »Friendly Fire« fasst verstreute Texte des Schriftstellers und Soziologen in einem Band zusammen. von tina manske

Na klar hat der Mann ’n Knall. Nur wer’n Knall hat, kann so klar sehen – wenn man akzeptiert, dass klar Sehen erst einmal verlangt, alles zu verwirren.« Das schreibt Klaus Theweleit in seinem neuen Buch über den Maler Blalla (»Balla Balla«) W. Hallmann. Die Sätze würden aber ebenso gut auf Thewe­leit selbst zutreffen, natürlich nur im positiven Sinne. Wer sonst führt uns regelmäßig so kurzweilig und treffend auf die Um- und Abwege, die man auf dem Tram­pelpfad der vorgefertigten Meinungen niemals entdeckt hätte? Beim Warten auf die neuen Bände seiner »Pocahontas«-Reihe und auf weitere Meldungen vom »Buch der Könige« kann man sich jetzt wenigstens eine Zeit lang mit einer schönen Compilation über die Runden helfen. »Friendly Fire«, das ist in Militärkreisen eine Formel für das versehentliche Abschießen der eigenen Leute. Bei Theweleit wird das »freund­liche Befeuern durch Worte« eine Me­tapher für das Schreiben schlechthin.

In der Popmusik gibt es Best-Of-Alben. Sie dienen dazu, Lücken in der Plattensammlung zu schließen oder, noch besser, erstmalig mit einer bestimmten Band in Beziehung zu treten und sich einen Überblick über deren Werk zu verschaffen. Wie man weiß, gibt es solche Sammlungen auch in der Literatur, und so gesehen ist »Friend­ly Fire« so etwas wie das Best-Of-Album des Kulturtheoretikers Klaus Theweleit. Man ist es mittlerweile gewohnt, dass seine Bücher mehr wiegen als die Dachziegel vom Nachbarhaus, und so ist auch dieses wieder ein Wälzer von über 400 Seiten geworden. Er versammelt darin – wie der ironische Unter­titel »Deadline-Texte« bereits andeutet – Artikel, die als Auftragsarbeiten für Zeitschriften, Radiosendungen oder als Laudatio entstanden sind, geschrie­ben also auf einen bestimmten Zweck hin. »Tut man sie in ein Buch, bekommen sie ein neues Leben«, schreibt Theweleit im Vorwort. »Man kann die ›Deadliners‹ so auch lesen als die Art Roman, die manche Leser ohnehin gern in meinen Büchern sehen: Roman von Wahrnehmungsreisen in verzweigte Wirklichkeiten, nahe oder abgelegene Kunst-, Psycho- und Politwelten.«

Theweleit ist wie immer ein hervorragender Beobachter und zeigt sich als der ungeschlagene Vermittler zwischen Welten, von denen man noch nicht wusste (oder es vielleicht nur ahnte), dass sie etwas miteinander zu tun haben könnten. So liest er Carl Barks’ Comics als Kommen­tar zur amerikanischen Kolonialgeschichte, beschreibt »Das Schweigen der Lämmer« von Jonathan Demme als Metamorphosen­film und dessen Heldin Clarice Starling (»STARling Darling«) als »eine der ungebrochensten Karrierefrauen der Schmet­terlings- oder Filmgeschichte«. Er untersucht Übermalungstechniken im Werk Friedemann Hahns und Cézannes, sieht in Andy Warhol abermals den Erfinder des MTV-Videoclips und Verfechter der falschen Tonarten, spricht mit Noam Chomsky über die Macht in Amerika und Europa, be­obach­tet Intellektuelle nach dem Angriff der USA auf den Irak beim Hüpfen auf die Schöße von Schröder, Fischer und Co. (»der Krieg macht alles einfach, auch und gerade für den Friedensfreund«), schreibt einleitende Worte zu einem Buch über das Schicksal der Frauen, die sich in den von Deutschen besetzten Gebieten in ihre Besatzer verliebten und dafür als Volks­verräterinnen »verurteilt« und geschoren wurden, und empört sich über die scheinheiligen Aufschreie über die Folterungen von Abu Ghraib: »Man kann sich dafür interessieren, warum diese Typen so sind, oder sich nicht dafür interessieren. Aber so tun, als hätte man dergleichen noch nie gehört, kann man nicht.«

Klarsichtig ist auch einmal mehr seine Einschätzung der gegenwärtigen Geschichtsstunden in den deutschen Film- und Fernsehanstalten. Schon wahr, dass dieses »Beste aller Zeiten«, das uns jeden Abend bei Kabel?1 (nicht nur dort, aber dort besonders oft) in den Ohren dröhnt, die ureigenste Hitlersche Wendung ist, aber schlimmer noch, dass hierzulande immer noch die öffentlich geehrt werden, die den Deutschen ihre sowieso schon ach wie weißen Westen nochmal heiß überbügeln: »Den Bambi bekommt, wer Deutsche nicht bei ihrer Unschuldsfeier stört« (siehe »Der Untergang« et al.). Ein Band des Autors der »Männerphantasien« wäre eben nichts ohne den politischen Theweleit.

Nebenbei erfahren wir, dass The Art Ensemble of Chicago »die schönste Musik der Welt« spielt. Überhaupt, die Musik: eines der beeindruckendsten Kapitel dreht sich um Theweleits Musiksozialisa­tion in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und darum, wie der Rock’n’Roll und der Blues aus den USA das Ohr befreiten vom ewigen Widerhall der von der Mutter rund um die Uhr into­nierten deutschen Volkslieder: »Ich lernte: Gegen eine Musik im Kopf hilft nur eine andere Musik im Kopf.« Musik als Realitätsmaschine number one: »Ich jeden­falls tausche den gesamten Suhrkamp-Laden gegen die gesammelten Columbia Records.«

Man hat schon oft versucht, das Werk Theweleits auf einer Skala zwischen »Sach­buch« und »Roman« einzuordnen – richtig gelingen will das allerdings nicht. Seine Bücher sind eine Kategorie für sich; ihr Ziel ist es, wie Theweleit in seiner Dankesrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises im Jahr 2003, die in »Friendly Fire« abgedruckt ist, for­mulierte, »die Gegensatz-Paarbildungen solcher Widerspruchsfelder und deren heimliche Dialektiken hinfällig zu machen, Grenzziehungen wie die zwischen Sachbüchern und belletristischen Büchern also zum Verschwinden zu bringen«. Seine Texte sind mithin für die Literatur, was die Arbeiten Alexander Kluges für den Film sind: Sie ermöglichen eine neue Sicht auf die Realität, eben weil sie auch imaginativ, fantastisch, fiktional sind.

Tina Manske, Jungle World

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434 Seiten, Broschur,

ISBN: 978-3-87877-940-7

 

Einzelpreis: 19,80 €
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1970: Verlag Roter Stern K. D. Wolff KG in Frankfurt am Main gegründet. Seit dem begann der Verlag mit der Edition umfangreicher historisch-kritischer Ausgaben deutschsprachiger Schriftsteller, wie zum Beispiel Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Georg Trakl, Franz Kafka und Casimir Ulrich Boehlendorff.